Catenaccio

Ich sitze beim Italiener in Gelsenkirchen, Ristorante Vitali in der Horster Straße, die ebenso wuselnden wie selbstverliebten italienischen Kellner tätscheln bei jeder Aufnahme einer Bestellung meinen Oberarm, vermutlich in der Hoffnung, mich zu einem milderen Urteil über die Qualität von Vorspeise, Pizza und Hauswein verführen zu können. Aber da sind sie an den Richtigen gekommen, hege ich doch Groll, seit ich im Juli 2006 auf Sardinien, an der Costa Rei, tief in die wahre Seele des Italieners blicken durfte, manche sagen musste, ob ich wollte oder nicht, und das hat Narben geschlagen.

Ich frönte mit meiner Familie während einer erst nachträglich als Sabbat deklarierten beruflichen Auszeit einem von meiner unbedachten Hand geplanten Urlaub an eben dieser Costa Rei, in einer Symbiose aus unwilliger Verzweiflung wegen der abgebrochenen Sommermärchenfeierlichleiten und erwartungsvoller Vorfreude auf die Annehmlichkeiten sommerlichen Nichtstuns, und dem Klassiker Deutschland – Italien im Halbfinale. Musste ich doch während der berauschenden Fußball-WM den vor Serotonin-Overflow strotzenden Fanfreunden adieu sagen und in die Gefilde der zum Abflugzeitpunkt noch immer im Rennen befindlichen La Nazionale fliegen. Opfer deutscher Verklärung, wagte ich mit meiner Familie dieses absonderliche Unterfangen. Noch am Flughafen Köln/Bonn redete ich mir beruhigend ein, das wir zuletzt 1990, wir verbrachten damals gerade unseren Sommerfamilienurlaub in Südnorwegen, das WM-Finale im Kreise eines alten norwegischen Ehepaares in deren Wohnzimmer bei Limonade (!) sahen – das mitgebrachte Sixpack Bier blieb verstohlen in der Plastiktüte und überdauerte das Finale – wir erlebten also das Finale gegen Italien und feierten anschließend in unserer Holzhütte mit warmem Sixpack-Bier und selbstgemalten DinA4-Deutschlandfähnchen ausgelassen den Sieg über eine italienische Mannschaft, die nicht den Hauch einer Chance hatte. Ich war also zuversichtlich, dass Spiele gegen La Nationale stets zu deutschen Gunsten auszugehen pflegen.

Die Familie fühlte sich wohl, ich versuchte, unsere euphorische Urlaubsstimmung durch – wie ich befürchtete – italienische Sozial-Grätschen während des bevorstehenden Halbfinales zwischen La Nazionale und dem deutschen Team nicht gefährden zu lassen.

Der Tag des Halbfinales kam. Er war schnell am Strand verlebt, ein Tisch in unserem Lieblingsrestaurant war tags zuvor reserviert, und zwei Stunden vor dem Anpfiff – wir waren die ersten Gäste – wurde uns der Tisch direkt vor dem Fernseher zugewiesen. Mit italienischer Strenge, die sich immer dann Bahn bricht, wenn aus einem anderen als dem offensichtlichen Grund soziales Unwohlsein erzeugt werden soll, also mit Strenge wird uns der Tisch zugewiesen, den wir wie uns geheißen okkupieren. Noch alleine, verstecken wir schamvoll unsere mitgebrachten Deutschlandfähnchen, -wimpel und -girlanden, wollen unsere Zuversicht über den bevorstehenden Sieg der Deutschen Mannschaft nicht zu ostentativ zur Schau stellen, als gut erzogene Nachkriegskinder – die ihre Vaterlandsliebe, oder was sie dafür halten, noch nicht zeigen dürfen, das dürfen erste unsere Kinder – halten wir unseren Stolz geheim, tun fast wie unbeteiligt, wie uninteressiert an dem bevorstehenden Halbfinale, dem mittlerweile das mit Italienern vollbesetzte Ristorante entgegen fiebert.

Ob’s wirklich so war, weiß ich nicht, zumindest glaubten wir die Augen aller Italiener auf uns gerichtet. Das leckere Essen schmeckte nicht. Die Lautstärke stieg, die Pizza verschwand im Verdauungstrakt, der Wein floss, das was deutsche Ohren als Gezeter einstufen, erhob sich zu euphorischem Geschrei. Zumindest für unsere Ohren.

Der Ball fing an zu rollen.

An Essen und Trinken war nicht mehr zu denken, die zuvor zuvorkommenden Kellner schienen jegliche Aufmerksamkeit von uns hin zu ihrer italienischen Glotze verbannt zu haben, kurzum, wir saßen auf dem Trockenen. Im Gegensatz zu den übrigen, italienischen Gästen, die orderten, was das Zeug hielt und bedient wurden, was das Zeug hielt. Nur wir guckten in die direkt vor uns stehende Röhre.

Der Ball lief durch die deutschen Reihen, beflügelt von den bisherigen sommermärchenhaften Ergebnissen, Namen wie Odonkor, Schneider, Ballack, heute vergessen, verhießen sie damals Zuversicht in deutsche Überlegenheit, aber wie immer, wenn’s gut läuft, war kein Platz für einen realistischen Blick auf den Gegner. Im Gegenteil, war die Weigerung der Kellner, unsere Bestellungen entgegen zu nehmen nicht Beweis genug für die italienische Angst, unter deutsche Räder zu kommen? Und am Nachbartisch die beiden mittdreißiger Machos, keines Blickes würdigten sie uns, auch wenn wir mehrfach wie zaghaft Verbrüderungsgesten aussandten. Nein, wir waren nicht da, niemand nahm Notiz von uns, deutsche Torchancen wurden ebenso weggeschwiegen wie italienische Ballgewinne frenetisch umjubelt. Na klar, da bahnte sich etwas an. Der Italiener beliebt mit Theater zu beeindrucken, hat er jemals schon mal scharf geschossen? Ausser Mafia, Comorra und N’Drangheta meine ich, so im richtigen Leben? Nein, er schauspielert lieber, lernt sogar in der Jugendmannschaft, sich theatralisch fallen zu lassen bei einem vermeintlichen Foul, Hauptsache der Schiri pfeift zu seinen Gunsten, Hauptsache erfolgreich geblendet. Und zeigen die schmächtigen Italienerchen nicht ihre so ungemein megabreite Brust, wenn sie am Eiscafe vorbeischlendern, diese Machos? Hauptsache keine Anstrengung, Hauptsache mit viel Bohei aber wenig Energie durch’s Leben italienern, erst erfinden sie den Catenaccio, sorgen dafür, dass hinten der Kasten sauber bleibt und hoffen vorne auf ein Wunder, zur Not eben mit Theater, diese Nichtswürdigen.

Und je länger unser Durst von den Kellnern ignoriert wird, je häufiger Klose, Podolski und Co. erfolglos gegen das südländische Bollwerk anrennen, umso klarer wird unser Bild von unsern Nachbarn, die nicht Fairness können, die können nur wir. Torloses Unentschieden, Verlängerung. Deutsche Kraft wird die schmächtigen Jüngelchen schon niederkämpfen, wir waren so zuversichtlich wie durstig, also sehr. Aber nichts da, kein deutscher Sturmlauf, stattdessen schwere Beine, schwindende Aufmerksamkeit im Passspiel, die Angst vor einem Fehler, nur ja nicht das Elfmeterschiessen gefährden, die haben nur den alten Buffon im Tor, da haben wir eindeutig Vorteile, und ab und zu darf man auch mit seiner Überlegenheit ruhig mal haushalten, also, durchhalten, Elfmeterschießen gewinnen und ab ins Finale, gegen wen ist egal, die fegen wir dann auch noch vom Platz.

Das Ende naht, die 119. Minute, Erfolg kann ungerecht sein, einer dieser seltenen Zufallsmomente, in dem das Glück des Untüchtigen über Anstrengung und Können triumphieren darf. Als wäre die Schmach des natürlich ungerechten Gegentores nicht genug, springen die beiden Mittdreißiger auf, postieren sich zwischen Glotze und uns und blicken uns erstmalig direkt ins Gesicht, die Rechte zum Chaka-Chaka-Jubel in unsere Richtung sägend, was – wenn auch nur schwer erträglich – doch verständlich ist, aber der Hassblick, mit dem sie uns zu erniedrigen suchen, nein, uns erniedrigen, der ließ das Fass überlaufen. Kaum saßen die beiden und alle anderen wieder, sprangen sie auch schon wieder auf. 2:0. Unfassbar, gerade erst die Schmach so hundertstelwegs verdaut, den Machohass weggeatmet und mit Zuversicht gekontert, da fällt die Entscheidung, 2:0.

Aus. Das Sommermärchen ist aus.

Keine Vorfreude auf das Finale in der Heimat, nur Durchatmen, jetzt nicht die Enttäuschung zur Schau stellen, soll doch diesen Italienern nicht ein dritter Triumph vergönnt sein. Nur das nicht. Wir applaudieren brav und mit innerem Groll, stören uns vermeintlich auch nicht an der dicken, tomatensoßenbekleckerten Köchin, die den Boden ihres Nudeltopfes rhythmisch behämmert und freudeschreiend durch die Gänge rennt. Nein, das ist zuviel, wir müssen hier raus, das ist eine Zumutung. Wir zahlen, auch die Biere, die wir nie bekommen haben, wollen nicht auch noch schlechte Verlierer sein und machen gute Mine zum ungerechten Spiel.

Ein paar Stufen hinunter zum Parkplatz, wo unser Mietwagen steht. Wir fahren zurück in unser Sommerhäuschen, langsam, wegen des Motorrollercorsos, der uns für 2 Kilometer eine halbe Stunde abverlangt und den Beschluss, nie wieder während eines WM-Halbfinals gegen Italien nach Sardinien in Urlaub zu fahren.

Nie wieder.

 

 

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