Kurze Geschichte vom kurzen Tritt

Strudel

Leise raschelt der holländische Strandsand unterm Badetuch, als er seine Augenlider öffnet. Seine Pupillen wandern ruckartig über die Szenerie, werden gewahr, dass keine strandpolizeilichen Warntafeln seinen Radius einengen können, kein ebenso leises wie eindringliches Insistieren seines pädagogischen Ehe-Schattens droht, einfach nichts da ist, was seinen Drang nach Tat, nach Ich-will-mich-spüren-hier-und-jetzt in Schranken hätte weisen können. Er lächelt, erst in sich hinein, dann in die Welt hinaus. Augenblicklich wird die Strandluft dünn, als sich sein Brustkorb zu einem gasgefüllten Panzer formt.

“Ich geh jetzt durchschwimmen, kommt jemand mit?”, dröhnt es über den Horizont von Renesse bis in den niederländischen Schelf hinein, wo sich die Resonanz im Schilf verfängt. Und so mancher Strandbesucher fragt sich verwundert, was wohl am Ufer des Atlantiks mit “durchschwimmen” gemeint sein könne. Beim nächsten Atem-ausstoß ist er bereits auf den Beinen, gibt seiner Enttäuschung über die geringe Resonanz der Umliegenden auf seine Bewegungsanimation kaum Raum und ruft stattdessen: “OK, bin mal eben im Nahbereich schwimmen, so in einer Stunde bin ich wieder da”, und mit wenigen Sätzen ist er in der braunen, schaum-algig versetzten Brandung entschwunden.

Zwei, drei Schmetterlingsschwünge, und die ersten fünfzehn Meter sind zurück-gelegt. Gischt stäubt auf, findet keine Zeit, der Gravitation zu gehorchen, obwohl sie viel lieber im weiten Ozean das Weite suchen würde. Links, rechts, links, rechts, stoische Wiederholung, jeder neue Flügelschlag beweist, dieser Schwimmer hätte die Fliehkraft erfunden, wäre ihm Christian Huygens nicht zuvor gekommen.

Kraftvoll tankt der Körper durch Wellenberge und -täler, kein Hindernis überlebt, wird einfach fort gestampft. Kraftvoll, lustvoll, scheinbar ohne Ziel.

Kein Hindernis? Nein? Was ist das! Der Arm flog gerade noch nach vorne, zieht nun nach unten durch, will Schub erzeugen, kämpft, kommt dennoch nicht voran, wird gehalten durch unsichtbare Kräfte, die um den Schwimmer ziehen, ihn mitnehmen auf ihren immer enger werdenden Kreisbahnen, erst langsam, mit kleiner werdendem Radius immer schneller, bis keine Steigerung mehr möglich ist, suchen die dritte Dimension, weichen nach unten aus, Kreise werden zu Strudel, Schwung zu Sog, zirkelnde Zeit zu – zeitlosem Punkt.

Stillstand. Schwerelose Stille. Schweben.

“Hej, was machst Du denn hier?”

“Ich? Keine Ahnung, wollte nur eben durchschwimmen.”

“Durchschwimmen?”

“Ja, durchschwimmen. Muskeln anspannen, lockern, anspannen, so was eben.”

“Und?”

“Ja, nix und.”

“Und weiter?”

“Ja, nix weiter. Durchschwimmen, einfach nur durchschwimmen.”

“Irgendwie kommst Du mir bekannt vor.”

“Wer, ich?”

“Ja, Du. Wolltest Du nicht langsam etwas kürzer treten?”

“Hmm, schon, aber geht grad nicht.”

“Geht grad nicht?”

“Ja, geht grad nicht.”

“Wie, geht grad nicht?”

“Hej, Du holder Weggefährte, geeeeht graaaad niiiiicht. Termine, neue PP, WDR Aktuelle Stunde, Münster, Blackberry, Krisenkommunikation, neues Medienkonzept, EM2012, Innenminister, Düsseldorf, Berlin, so was eben.”

“Ist das alles?”

“Ja wie, ist das alles.”

“Nee, nee, lass stecken, war zynisch, ich nehme alles zurück”, sagt die Stimme und verstummt.

Betretenes Schweigen.

Dann: “Ja, ja, ist ja gut, werde jetzt wirklich kürzer treten”, ruft der Schwimmer noch hinterher und stürzt augenblicklich weiter in die rotierende Wassersäule hinab und denkt ‘wenn ich hier bloß je wieder raus komme’. Seine Arme beginnen wieder zu arbeiten, muskulöse Schenkel schwingen die schweren Beine im Rhythmus, der Schwimmer versucht, sich dem Sog zu entwinden, erst konzentriert, kämpfend, dann nur noch strampelnd. Vergeblich. Tiefer geht es hinab, und jetzt zahlt sich das Training aus. Die Gedanken fokussieren, schalten alles Unwesentliche aus, Notruf, Notruf, denkt er, jetzt einen Notruf absetzen, meine Jungs sind doch überall, auf die ist Verlass. Sein schmales Händchen kramt in der knappen Badehose, findet sich im Dickicht schnell zurecht, alles an Ort und Stelle, auch sein ständiger Begleiter – das Handy. Der Automatismus läuft ab, Kurzwahltaste gedrückt, Handy flugs ans Ohr, Polizeijargon, damit die Jungs sofort wissen, dass er einer von ihnen ist, keine unnötigen Fragen stellen. “Bin im dienstlichen Vollzug – Stopp – maritime Einsatzkräfte zwingend erforderlich – Stopp – Sogwirkung eindeutig, Beherrschbarkeit negativ, wiederhole: negativ – Stopp – zeitnahes Erscheinen wäre hilfreich – Ende”. Der Schwimmer füllt seine Badehose wieder mit seinem Handy auf, wirbelt noch ein Weilchen im Sog umher und vertreibt sich mit Gedankenexperimenten die Zeit bis zur Rettung.

“Kürzer treten, kürzer treten, ich weiß gar nicht, was die alle haben. Ständig soll ich kürzer treten. Quatsch, sag ich, Humbug, andere wären froh, wenn sie so große Schritte machen könnten. Kürzer treten, kürzer treten. Und wie sähe das überhaupt aus, ich und kleine Tippelschritte. Nee, muss ich nicht haben, will ich auch nicht. Lieber ‘n Radtürchen, oder ‘ne handfeste Krise, Familien-, Straßen- oder Polizeifest organisieren, oh Mann, ich muss doch noch das Mannschaftszelt für die Grashoppers organisieren, und Brennholz für ‘n Winter, aber selbst geschlagen, selbst gespalten, selbst transportiert, und hoffentlich spielt Deutschland in der Vorrunde nicht in Polen, das gibt Ärger, obwohl, dann könnte ich gleich mein neues FussballEundWMkrisenkommunikationskonzept nebst Anlagen testen. Die deutschen Innenminister hab ich eh hinter mir, wär jetzt eigentlich an der Zeit, dass sich der EU-Kommissar mal meldet.

Mann, wo bleiben denn die Einsatzkräfte, könnte jetzt ruhig wieder an die frische Luft, ist eh alles gesagt.

Aber vielleicht ist doch was dran am Kürzer-Treten? Und wenn ich nur halb so viel mache? Ein halbes Mannschaftszelt? Holz hacken und spalten, aber nicht transportieren? Krisenkonzept ohne Anlagen? Innen ohne Minister? Blackberry ohne SIM-Karte?“

Ach was, denkt der strudelnde Schwimmer, ach was, halbe Sachen sind meine Sache nicht. Weil bei mir erst Feierabend ist, wenn nach der Feier Abend ist. Und überhaupt, ist ein komplexes Selbstkonzept nicht der beste kognitive Puffer für Enttäuschungen des eigenen Lebensentwurfs?

Nachdenklich trudelt er durch den Sog, lässt seine Arme baumeln und sich treiben. Er spürt, nein er weiß, ein facettenreiches Leben reduziert den Stress bei seelischen Schwankungen. Ganz einfach. Ganz einfach, weil Ausgleich da ist. Getreu dem ethischen Imperativ: “Handele stets so, dass sich die Zahl Deiner Optionen erhöht”. Und da soll ich kürzer treten?, denkt er, umgehend von seinem Über-Ich sekundiert: “Genug getaumelt, gestrudelt und gebaumelt. Es gibt noch viel zu tun, Schwimmer. Die Welt wartet auf Dich!”.

Der Weckruf bleibt nicht ungehört. Alle verfügbaren Calcium-Ionen werden in die Myofibrillen gepresst, jede Muskelfaser gespannt, der Wille auf das eine Ziel ausgerichtet. ‘Jetzt oder nie mehr”, denkt er. Ein, zwei, drei kraftstrotzende Armbewegungen, und der Schwimmer entwindet sich dem Sog, bricht aus und strebt zurück nach oben, dem Licht entgegen, langsam und kontrolliert, wie gelernt. Mit noch weichen Knien erreicht er das vertraute Ufer, ein paar Schritte nur, und er sinkt zufrieden auf sein Badetuch. Die Um- und Umherliegenden blicken erstaunt auf: “Ist die Stunde schon vorbei?”.

Und mit wachem Auge murmelt er lächelnd vor sich hin: “Manche Uhren gehen eben schneller !”

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>