Thoughts unchained !

Er wußte, warum er lief. Er hatte mit dem Laufen angefangen, als sein Gewicht außer Kontrolle zu geraten schien, aber ob tatsächlich das Gewicht der Anlass war, oder die aufmunternde Motivation der anderen Mitläufer, der Wunsch nach gesellschaftlicher Achtung als Sportler, der ein Bauch entgegen stand, oder gar die Flucht vor der häuslichen Ruhe, das weiß er heute nicht mehr. Immerhin, es waren einige Jahre vergangen, seit er mit dem Laufen angefangen hatte, dass die Erinnerung an Ursachen verblasste, wunderte ihn nicht. Schließlich waren ihm Alterungsprozesse und ihre Auswirkungen durchaus bekannt, sie begleiteten ihn ja nun schon eine ganze Weile. Jedenfalls, seit dem läuft er. Und denkt.

Na ja, denken ist vielleicht zu viel gesagt, denn setzt das nicht Absicht voraus? Vielleicht war das doch der eigentliche Beweggrund für seine Lust am Laufen, eben mal nicht absichtsvoll nachzudenken, sondern die Gedanken aus ihrem kausalen Korsett befreien und einfach ‚laufen‘ zu lassen? Jedenfalls hatte er nach all den Jahren des Durchstreifens des Diescholl, der Obersten Fahr, der Hütte – wer wußte schon, dass die Landzunge zwischen Rheinufer und Mondorfer Hafen Die Hütte genannt wurde – gelernt, seine Gedanken zu befreien, sie einfach ziehen zu lassen, zwar absichtsvoll, aber nicht zielgerichtet, sie im Dickicht mäandern zu lassen. Er ertappte sich dabei, sich immer wieder stolz auf seine innere Schulter zu klopfen, als hätte er dies mit Absicht getan.

Mal dachte er über seinen Chef nach, sah nur noch dessen Hasenscharte vor seinem geistigen Auge, wunderte sich dann, dass es bei der heute so ausgeklügelten medizinischen Technik noch keine Möglichkeit zur kosmetischen Korrektur gab, wanderte in Gedanken dann folgerichtig in die Welt der Transplantationen ab, versuchte sich vorzustellen, ob er zu einer Straftat fähig wäre, um an ein Spenderherz für seinen Sohn zu kommen und hatte darüber nachgedacht, ob es Motive geben könne, die ein Kapitalverbrechen rechtfertigten und somit von Schuld befreiten und wurde erst durch quälende Seitenstiche aus seiner Gedankenwelt gerissen, allerdings gewann seine kinästhetische Wahrnehmung nicht die Oberhand und schnell fokussierte sein Interesse wieder auf den scheinbar fehlenden Zusammenhang zwischen Hasenscharten und Schuld.

Ein anderes Mal nahm er sich vor, über ein passendes Weihnachtsgeschenk für seine Frau nachzudenken, versuchte etwas zu finden, was ihr noch fehlen könnte, aber er fand nichts und war damit unweigerlich beim Thema Wohlstandsgefälle, armen Weltregionen, bei Banda Aceh und den Tsunamis angekommen, die, und das war ja nun mehr als offensichtlich, seltsamerweise immer in der Vorweihnachtszeit für Not und Elend sorgten, fragte sich, ob er jemals von einem Tsunami im Sommer gehört hatte und hing der Idee nach, dass es womöglich einen natürlichen Kausal-Zusammenhang hierfür gab, der uns bisher nur noch nicht aufgefallen oder erklärbar war, bis ihn wieder seine Seitenstiche ins Hier und Jetzt katapultierten, als wären sie ihm der letzte Rettungsanker vor dem Abgleiten in eine abstruse Gedankenwelt.

Dabei gehorchten ihm seine Gedanken schon lange nicht mehr, machten was sie wollten, Ihnen war kaum noch Einhalt zu gebieten. Er wollte damals nicht mehr nach Hause laufen, so irritiert war er, als ihm dies klar wurde: dass er zwar denkt, sich sogar einbildet, mit Absicht seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, aber ob sie kommen, weil er das so will, oder ob die Gedanken kommen, weil sie es so wollen, das hat ihn aus der Bahn geworfen. Waren es dann noch seine Gedanken ? Er wollte vor dieserIdee davon laufen, weit weg, einfach weit weg laufen, dorthin, wo er nicht denken konnte oder brauchte.

Er war gerannt, nach Bonn, Niederkassel, nach Troisdorf, im Kreis, ja sogar rückwärts, aber es half nichts. Dann versuchte er nicht zu laufen, aber auch das half nicht. Er konnte nicht nicht denken. Gedanken waren da, ob er wollte oder nicht. War das kein Beweis für den Grund weg zu laufen?Heute wollte er seinen ersten Gedanken zuende denken, nicht abschweifen, seine Ideen sollten heute keine unbedachten Wendungen nehmen, einfach so dahin fließen, autark werden, nein, heute wollte er die Kontrolle behalten. Ein letzter Versuch, der, wenn er funktionierte, seine Überlegungen widerlegte, was er inständig hoffte, dass er irrte, ja sogar, dass er sich selbst kraft seiner Gedanken beweisen konnte, dass er, nein, seine Gedanken, irrten.

Er machte den ersten Schritt und fing an zu laufen. Am Hafenschlösschen vorbei und gemächlich Richtung Hafen.

Sein erster Gedanke erschien.

Warum laufe ich hier eigentlich? Warum hier? Ich würde hier – vermutlich – nicht laufen, wenn ich vor 30 Jahren nicht nach Mondorf gezogen wäre. Und warum bin ich hierhin gezogen? Zufall? Annonce im General-Anzeiger gesehen, angerufen, mit 20 anderen Paaren die Wohnung besichtigt, aus unerfindlichem Grunde als neuer Mieter auserkoren. Wie kam die Annonce ausgerechnet an dem Wochenende in die Zeitung, als ich beschloss die Wohnungssuche zu starten? Lag es daran, dass der Vermieter damals auf dem Weg zum General-Anzeiger eben nicht in einen Unfall verwickelt wurde, der die Aufgabe der Annonce, ihre Entdeckung durch mich und alles Folgende verhindert hätte? Laufe ich also heute hier nur, weil mein damaliger Vermieter nicht in einen Unfall verwickelt wurde?

Die Bootsanleger rechts liegen gelassen, geht’s vor der Wiese links ab zum Diescholl. Dieser Gedanke klingt absurd, vielleicht weil er nie beweisbar ist. Oder anders ausgedrückt, sind Gedanken besser, sinnvoller, richtiger, nur weil ich sie verifizieren oder falsifizieren kann? Ich kann nachweisen, dass mein Unterlassen einen Terrorakt erst möglich gemacht hat, aber ich kann nie nachweisen, dass mein Tun (mein Nicht-Unterlassen) diesen Akt eben unmöglich gemacht hat. Nicht-Geschehenes hat keine Beweiskraft. Obwohl Ursache des Nicht-Geschehenen, das ursächliche Tun bleibt in seiner Wirkung unerkannt.

So weit, so gut. Rauf zum Fischereimuseum und weiter zur L269, deren Schall mit jedem Schritt lauter wird. Wenn ich diesen Gedanken, durch mein jetziges Tun zukünftiges Geschehen zu verhindern, zulasse und als richtig bewerte, liegt dann nicht der Gedanke nahe, dass mir dann auch die Meriten für alles vermiedene Schlechte zustehen? Wäre das nicht genial? Durch Nicht-Tun reich, geachtet, gar bewundert werden? Und ich Idiot renne mir hier aktiv die Lunge aus dem Leib, kein Wunder, dass aus mir nichts wird, wie konnte ich nur auf die Idee kommen, dass Aktivität, Engagement, dass Wirkenwollen positiv besetzt und gesellschaftlich geachtet sind, mich die Maslow’schen Stufen zur Spitze erklimmen lassen. Wie konnte ich nur. Ob ich zurück renne, zum Schlösschen? Nach Hause, mich auf die Couch lege und nichts tue?

Der Schall der L verblasst mit jedem Schritt, den ich doch weiter laufe, nun Richtung Oberste Fahr und dann nach Süden zum Sieghäuschen. Nur, wer schafft dann den Wert, mit dem ich für mein Unterlassen belohnt werde? Setzt Wertschaffen nicht Aktion voraus? Wenn Meriten für’s Nicht-Tun winken, tut dann nicht jeder nicht? Habe ich mich schachmatt gesetzt? Es scheint so.

Mir brennt die Lunge. Ich schwitze unendlich und habe Durst. Laufen, weiter laufen, nicht aufhören, nicht nicht-tun, sage ich mir und freue mich, in der Ferne das Dach des Sieghäuschens zu erkennen. Meine Brust schwillt stolz, ich trete vor den Kellner und fordere eine Cola, „wenn ich nicht gewesen wär’, hätten sie Dein Häuschen in die Luft gesprengt“, rufe ich ihm entgegen. „Maach, dat de vott küss, sons kriste en paar up de ur“, hatte er für mich nur übrig und schubste mich verächtlich in die Fluten.

Mein Entsetzen über so viel Ignoranz und Undankbarkeit ließ mich das Schwimmen vergessen. Hatte dieser Kellner denn so gar keinen Sinn für die Zusammenhänge dieser Welt? Nicht ein klein wenig? Ich trieb ab. 500 Meter waren es noch bis zur Rheinmündung. Ich musste mich entscheiden. Nichts tun in der Hoffnung, dass die Strudel im Rhein wegen meines Mich-in-der-Sieg-treiben-lassens wohl rechtzeitig versiegen würden? Oder schwimmen und proaktiv den Strudeln entgehen? Letzteres schien mir nahe liegender und so krabbelte ich wieder an den Kiesstrand.

Ich kauerte mich wohltuend nass, aber enttäuscht und dankbar zugleich auf einen dicken Rundling. Als ganz in der Nähe eine gewaltige Explosion das Sieghäuschen zerbarst.

 

 

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